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Text zu "Fisches Nachgesang" von Villö Huszai

"Fisches Nachgesang“ und derjenige des Videotanks zu Lebzeiten


In der Ankündigung zu der Installation « Fisches Nachgesang» im temporären Zürcher Ausstellungsraum Videotank heisst es, es sei eine ortsspezifische Installation. Schauplatz der Installation ist eine Durchgangspassage unter der Zürcher Dreikönigsbrücke in der Nähe des Paradeplatzes und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Luxushotel Baur au Lac, wenn auch zu dessen am Kanal Schanzengraben gelegenen Rückseite. Die Installation greife, so heisst es in der Ankündigung, die spezielle Stimmung der Durchgangspassage auf und schaffe „eine Verbindung zwischen dem den Ort prägenden Element Wasser und der unmittelbaren Umgebung des Finanz- und Paradeplatzes“. Die Installation der drei jungen Schweizer Künstlerinnen Nica Giuliani, Andrea Gsell und Lilian Beidler löst diese Versprechen zweifellos ein. Dazu gleich noch Genaueres, doch drängender ist die Frage, ob das alles überhaupt relevant ist: Warum soll eine Installation „ortsspezifisch“ sein, warum soll sie die Stimmung eines Ortes „aufgreifen“, warum soll sie einen Bezug zur unmittelbaren Umgebung schaffen? Wenn man sich an die Kritik an gängiger „Kunst am Bau“ erinnert, dann machen diese Kriterien zwar durchaus Sinn: Der „Kunst am Bau“ wirft man vor, dass sie keinen Ortsbezug habe, sondern bloss an einem Bau befestigt sei, diesen zu einer Art untauglicher Museumswand umfunktioniere, statt auf die Spezifik der Architektur und des Raumes, in dem diese steht, einzugehen. Doch machen die eingangs genannten Kriterien auch Sinn, wenn man sie nicht in Abgrenzung vom verpönten Genre „Kunst am Bau“, sondern als eigenständige Kriterien für Kunst allgemein betrachtet? Das ist die Gretchenfrage, nicht nur für die Installation von Giuliani, Gsell und Beidler, sondern für alle Kunst im öffentlichen Raum. Eine rasche Antwort gibt es auf diese allgemeine Frage nicht; eine solche Antwort besteht aus einem Mosaik, das sich nur aus der Sichtung von konkreten Arbeiten ergeben kann. Hier also ein solcher Mosaikstein.

Noch keine Videotank-Arbeit ist so präzis auf den Ort eingegangen wie die Arbeit „Fisches Nachgesang“. Da ist der Umgang mit Ton zu nennen. Die Passage ist eigentümlich weltabgeschieden, was man vielleicht kaum bemerkt, wenn man sie nur durcheilt, um von A nach B zu kommen. Bisherige Videotank-Arbeiten waren entweder tonlos, oder der Ton drohte diese Atmosphäre der Weltabgeschiedenheit zu verletzen. Anders der Ton der Installation „Fisches Nachgesang“: Zunächst fällt er kaum auf; er übertönt die Stille nicht, sondern reichert diese Stille, so paradox das klingen mag, um eine weitere Tonspur an. Denn wirklich still ist es nie unter der Dreikönigsbrücke gleich neben dem Paradeplatz; aber die Lärmquellen der Trams, Autos, Passanten dringen nur von Ferne hinunter in die Passage. Ebenso diskret macht sich zunächst die Tonspur der Installation bemerkbar, doch mit der Zeit – wenn man sich denn die Zeit nimmt - kann man diese Tonspur, eine singend-klagende Frauenstimme, von den aus der Ferne kommenden Tönen immer besser unterscheiden. Zu diesem Zeitpunkt hat der aufmerksam gewordene Passant dann auch schon die drei Videoscreens – immer noch die drei 1973 erbauten und noch im selben Jahr wieder stillgelegten Forellen-Aquarien – schon länger ins Auge gefasst, es ist ihm klar geworden, dass die drei Manager- Köpfe (jedem Kopf seinen Bildschirm) Christian Morgensterns „Fisches Nachtgesang“ rezitieren und daher selbst keinen Ton brauchen. Und während man nun danach Ausschau hält, woher diese feine Frauenstimme kommt, kann einem auffallen, dass da ständig, etwa in zwei Meter Entfernung von der Passagenbrüstung, eine Luftsäule an die Oberfläche des Schanzengraben-Wassers blubbert. Die behauptete Verbindung zum Wasser ist also in der Tat gegeben. Und den Bezug zur „ unmittelbaren Umgebung des Finanz- und Paradeplatzes“ garantiert nicht nur die Aufmachung der zwei Rezitatoren und der einen Rezitatorin, die unverwechselbare gepflegt-fantasielose Manager-Tracht. Es ist auch ein Leichtes, die Sprachlosigkeit der drei Rezitatoren trotz reger Mundtätigkeit mit der aktuellen Finanzkrise und dem Verlust an Glaubwürdigkeit in Verbindung zu bringen: Die Banker sprechen zwar noch, doch sie können sich kein Gehör mehr verschaffen. Und dann macht auch die Frauenstimme Sinn, die aus „der Rezitation der grafischen Darstellung des aktuellen SMI-Verlaufs“ besteht: An die Stelle der diskreditierten Manager-Rede treten die Fakten, die der Markt schafft; und zwar im Minutentakt, weswegen die grafische Darstellung und die entsprechende Rezitation durch die Frauenstimme auch „mehrmals pro Stunde aktualisiert“ wird und „dementsprechend immer wieder anders“ klingt. Und erst recht machen dann die Luftbläschen Sinn, die aus der Untiefe des Schanzengrabens an die Oberfläche steigen: Nichts als ein feines, eintöniges Geblubber resultiert aus der Rede der einstigen Finanzhelden, die in vielerlei Sinn abgetaucht sind.

Zwei Fragen ergeben sich, die eine lautet: Wie viel von all dem, von hier nicht abschliessend erfassten Assoziationsraum der Installation, nimmt der Adressat der Installation, der Passant, wahr? Wir wissen es nicht, denn die wahre Passantin und der wahre Passant nehmen sich nicht die Zeit, kunstkritische Fragen zu beantworten. Wenn sie es täten, wären sie vielleicht auch schon gar nicht mehr wahrhaftige PassantInnen. Doch vielleicht fällt einer Passantin just unter der Brücke ein, ihr Handy abzurufen oder ein Strumpfband zu richten, so dass es der Installation dank der kleinen Verschnauf-Pause gelänge, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln und sie neugierig zu machen auf den kleinen Kosmos an Elementen und Bedeutungen, den die Arbeit aufspannt? Wenn dies nur einmal geschähe, dann wäre viel erreicht in punkto Wahrnehmung; mehr vielleicht, als mancher beflissene Kunstmuseums-Besuch bewirkten kann.

Die andere Frage ist die kunstkritische Gretchenfrage: Was hat dies nun alles mit Kunst zu tun? Oder anders gefragt: Wie soll man nun entscheiden, ob Giuliani, Gsell und Beidler ein (gutes?) KunstArbeiten geschaffen haben? Ein KunstArbeiten, das nicht nur den eingangs genannten Kriterien zu genügen vermag, sondern, so altmodisch dies klingt, auch sich selbst; ein KunstArbeiten, das in sich besteht? Ohne Zweifel hat das Trio eine medientechnisch professionelle Arbeit geschaffen, die gerade durch Sparsamkeit und Präzision der verwendeten Elemente dem Betrachter ästhetischen Genuss verschafft und ihn zu eigenem Assoziationsspiel anregt. Insbesondere macht sich die Arbeit verdient in einem Bereich, der ein grundsätzliches Verdienst der nunmehr schon mehrjährigen Ausstellungsreihe des Videotanks ins Zentrum ist: das Verdienst, diesen so abgeschiedenen wie urbanen Ort immer neu wahrnehmbar zu machen. Neben vielen weiteren Aspekten wie Wasser oder Managerwelt sind es die örtlichen Klangverhältnisse, die „Fisches Nachgesang“ in wunderbarer Paradoxie ins Bewusstsein hebt und zum Genuss macht. Doch noch einmal: Ist „Fisches Nachgesang“ nun ein grossartiges KunstArbeiten? Die vorläufige Antwort: Wir möchten es mit Verweis auf den Arbeiten-Kontext so schnell nicht entscheiden: Die Tiefe oder Untiefe einer Arbeit, so gelungen sie im Moment und in ihrem Kontext auch sein mag, ergibt sich durch ihren Stellenwert in einem Arbeiten. Ein Arbeiten braucht aber Zeit, sich zu entwickeln und sich der Beobachtung zu erschliessen. Da die drei Macherinnen von Fisches Nachgesang noch am Anfang ihres künstlerischen Werdeganges stehen, wird sich erst mit der Zeit zeigen, was (noch) alles in diesem einzelnen KunstArbeiten steckt.

Die Voraussetzung für diese spätere Wiedererwägung ist aber, dass ein Kunstraum wie der Videotank auch vor Ort und in seiner Gegenwart wahr- und ernstgenommen wird. Für ein Nachleben von „ Fisches Nachgesang“ wie auch des Videotanks insgesamt braucht es möglichst viel Publikum, die das KunstArbeiten in seinem ortsspezifischen Bezug erlebt hat und später von seinen Erinnerung zehrt und berichtet. Doch geht man auf die einschlägige Homepage, in welcher die Kunst des öffentlichen Raumes Zürich vorgestellt wird, dann fehlt schon seit immer ein brauchbarer Hinweis auf den Videotank. Spektakuläre Grossprojekte sind vermerkt, aber ein seriöser Hinweis auf den unspektakulären, auf den gerade das Unspektakuläre pflegenden Videotank fehlt gänzlich. Ist also Kunst im öffentlichen Raum nur dann der Rede wert, wenn sie die Gesellschaft als Spektakel auffasst und traktiert? Das wäre ein Denkfehler, den man nur so lange noch wiedergutmachen kann, wie es den Videotank gibt.

Villö Huszai 2009

© Lilian Beidler 2016